Schreiben

Schreiben

Donnerstag

Schreibtisch-Tipp 1

Angenommen, Sie lesen ein Buch, in dem es vor Wiederholungen wimmelt, haben Sie dann nicht den Eindruck, vom Schriftsteller für blöd gehalten zu werden?
Ich schon. Wenn die Wiederholungen nicht als Stilmittel eingesetzt werden, fühle ich mich auf den Arm genommen, denn ich leide ja nicht an Vergesslichkeit und weiß noch, was bisher in der Geschichte vorkam. 

Es gibt ein paar Möglichkeiten, warum derlei passiert.
1. Autoren sind sich nicht sicher, ob die Leser bereits verstanden haben, worum es geht (manchmal sind sie sich selbst nicht sicher und wiederholen aus dem Grund).
2. Autoren vergessen schlichtweg, dass sie das Wiederholte bereits 3 Seiten vorher genauest beschrieben haben.
3. Autoren sitzen frustriert vor dem fertigen Manuskript, denn die geplanten 300 Seiten sind nur 150 geworden. Also überarbeiten sie und erweitern, indem sie alles noch viel genauer und öfter beschreiben, damit das Ding länger wird (das ist eine Unterstellung, ich weiß). 

Möglichkeit 3 kommt so nicht vor. Dafür Nummer 1 umso öfter. Wem das passiert, der muss streichen und am Ende hat das 300 Seiten-Manuskript wirklich nur noch 150.

Was tun?
1. Streichen! Rigoros. 
Nicht nur die Wiederholungen im Erzähltext, auch jene, die um Dialoge herum entstehen. Der Redner muss nicht vor dem Satz, den er seinem Gegenüber an den Kopf wirft, denken: 
Jetzt werfe ich ihm einen Satz an dem Kopf: "Du bist ein eiskalter Mensch." 
Denn es ist ja klar, dass diese Aussage dem anderen um die Ohren fliegt, nicht wahr? In der Schreibrage passiert so etwas natürlich, in der Überarbeitung muss es jedoch weg, weg, weg.

2. Nun ist der Text dem Autor zu kurz. Wie ihn erweitern?
In dem Text wird es mehr als eine Person geben. Die Hauptfigur wird den Roman kaum im Alleingang bestreiten (seltene Ausnahme ist z.B. Thomas Glavinic, Die Arbeit der Nacht im Verlag dtv). 
Also betrachten wir doch die Figuren um sie/ihn. Ist da einer dabei, der ein anders gelagertes Problem als unser Held/unsere Heldin hat? Könnten wir daraus einen Suberzählstrang bauen? Könnten diese beiden Probleme letzten Endes doch eine Verbindung aufweisen?
Finden Sie es heraus und schon hat der erschlankte Text 200 Seiten dazugewonnen. 
Ideal für den 2. Erzählstrang ist, dass sein Problem sich kurz vor dem Ende des Haupterzählstrangs löst. Denn die Hauptfigur ist nun mal die Hauptfigur und darf zuletzt vor den Vorhang, darf das Finale bestreiten, um den verdienten Applaus einzuheimsen.

Merke: Schreiben ist leicht. Man muss nur die falschen Wörter weglassen.“ Mark Twain

Bis zum nächsten Mal!
 

Samstag

Wenn das keine Freude ist ...


Ein Autor, dessen Art zu schreiben ich überaus schätze, und die Freude habe, seine Texte zu lektorieren, schrieb mir heute offiziell auf Facebook (Um welche Titel es geht, sage ich nicht, kommt noch):

Was dich vor allem auszeichnet, meine hochgeschätzte Freundin und Kollegin, ist dein Horizont und deine Neugier auf alles was sich lesen lässt. Einige der Gründe, die mich dazu gebracht haben, dich als Lektorin für alle künftigen Geschichten meines lieben (Titel) zu wählen. Und die bisherige Zusammenarbeit bestätigt mich und meinen Entschluss uneingeschränkt. Ich bin froh und glücklich dich und deinen weiten Horizont sowie deine große Erfahrung an meiner Seite zu haben. "Am Anfang ist die Neugier" lautet der Wahlspruch, unter den ich seit Jahren meine Agentur gestellt habe. Neugier ist für mich der Schlüssel zu allem was uns weiterbringt. Und diese Neugier versprühst du geradezu verschwenderisch ... 

Herzlichen Dank dafür sagt Elsa Rieger

Sonntag

AUTOREN-CAMP IM HERZEN WIENS



Workshop für Autorinnen und Autoren im privaten Rahmen
Bei mir zuhause geht es zur Autoren-Sache – die Teilnehmer können bei Bedarf gerne ebenda auch nächtigen: Bring Deinen Schlafsack mit. An Raum herrscht kein Mangel und Frühstück gibt es auch.

Programm:

Donnerstag: Ankunftsnachmittag ab 17 Uhr
Ein entspanntes Kennenlernen

1. Tag
Mit Speck fängt man die Maus
Das geheimnisvolle Aktmodell
Folge dem Ruf
Bordmittel blockieren die Heldenreise
Verfluchte Krisen, Katastrophen, Wendepunkte
Das Finale naht – Showdown und Kiss-Off

2. Tag
Die Masken – Konflikte sind Programm des jeweiligen Charakters
Der körperliche Ausdruck verrät uns den Seelenzustand des Menschen
Figurenentwicklung ist die Basis jeder Geschichte

3. Tag
Dein Text wie neu!
Prämisse/Plot
Exposé
Plotline/Szenenbau

Termin: Donnerstag, 10. bis Sonntag, 13. November 2016
Preis: 350 Euro
Adresse: 1010 Wien, Köllnerhofgasse 6
Maximal 6 Teilnehmer (Laptop oder Kladde bitte mitbringen), denn es geht vor allem (nach ein bisschen hilfreicher Theorie) darum, dass die Interessierten ihr laufendes Projekt bzw. ihre erste Idee mitbringen und wir daran arbeiten.
Eine durchaus intensive Sache, da man sehr eng zusammen sein wird in dieser Zeit.


Samstag

Alles ist - James Henry Burson



Ich stieß auf die Bücher von James, weil wir auf Facebook verbandelt waren, und war erschüttert und begeistert zugleich von seinen biografischen Aufzeichnungen. 

Da waren Glanzstücke drin, Perlen an Gefühl und Bildsprache, jedoch recht versteckt in vielen überflüssigen Sätzen. Das Lektorenfieber packte mich, so bat ich James, die Bücher ein bisschen schleifen zu dürfen.
Nun, er willigte gern ein, so machten wir uns an die Arbeit.

Es war sehr spannend, es war manchmal zäh, es gab viel zu bedenken, die Perlen von ihren Schalen zu befreien, denn ich wollte James' Sprache nicht zerstören - sie nur stärken. 
Schließlich waren wir beide weitgehend zufrieden mit dem Ergebnis. Das ist untertrieben! Wir waren total glücklich!
Danke, James, für dein Vertrauen!  

BTW: Ich habe ein paar Rezensionen gelesen, die Fehlerchen ansprechen. James, wir sollten noch mal drüber gehen, was meinst du?



 

Donnerstag

If you come to San Francisco - Maren Hirsch

Ich erinnere mich gern an die Zusammenarbeit mit Maren Hirsch, die zugegebenermaßen turbulent war, wie auch ihr Roman The Trumpet Player ist.

Wir hatten einige Sträuße auszufechten, nachdem die Autorin nach deprimierenden Erfahrungen andernorts bei mir gelandet war. 
Doch schließlich brachten wir das Manuskript in Form. 

Die Geschichte ist vergnüglich, voller Pep, mit ganz viel Musik und überaus originellen Protagonisten geschrieben. Was ich an Maren Hirsch von Anfang an bewundert habe, ist, dass sie die Menge an Figuren mit viel Personality ausgestattet hat, jede/r einzelne hat ein Leben, farbig und nachvollziehbar. Und, dass sie die Leute nicht einmal verwechselt hat, der Leser immer genau weiß, von wem gerade die Rede ist. Klasse.

Und am Ende dieser intensiven Arbeit wurden wir Freundinnen. Das ist sehr schön.

  


Mittwoch

Japanische Kirschblüten - Akiko Kawabata

Wie ich hier schon einmal geschrieben habe über die Zusammenarbeit mit Akiko Kawabata, war es hochinteressant, mit dieser Dame aus Japan, die die deutsche Sprache liebt, Texte zu erarbeiten, die auch für Europäer gut zu lesen sind. Ich finde, es ist uns ganz gut gelungen.
Das Spannende an den Geschichten ist die Kombination zwischen teilweise realer, teilweise utopischer Wissenschaft, die Akiko beängstigend ins rechte Licht setzt, und einer bestrickenden Liebesgeschichte, zart wie Kirschblüten im Wind, zwischen zwei Männern, die in beklemmenden, eigenartigen Situationen kommen. Die Reihe heißt Naiv und ist bei Amazon erschienen. 

Ich habe noch weitere Geschichten lektorieren dürfen, die voller Fantasie sind, zugleich schmerzlich und schön. 

Zum Beispiel: Das Wörterbuch von Earl Grey

Kou Naruse, die 14-jährige Mittelschülerin, distanziert sich von der Fremdsprache Englisch, weil sie damit beschämende Erfahrungen gemacht hat. Eines Tages lädt eine Freundin sie zu einem Englischkurs bei dem Engländer „Earl Grey“ in ihrer Stadt ein. Der alte, aber elegante Lehrer fasziniert alle vier Mädchen, die den Kurs in seinem Haus besuchen. An einem Sommerferientag findet Kou sich allein in der Villa von Earl Grey, wo sie dem wunderbaren „Wörterbuch von Earl Grey“ begegnet.

Dass die interessanten Geschichten von Akiko kaum Beachtung finden, ist wirklich sehr schade. Sie sind so besonders, heben sich ab vom Üblichen. Ja, das wollte ich mal gesagt haben.

  

Einfach nur ICH - eine Trilogie

Daggi Geiselmann ist eine Autorin, die viel durchgemacht hat. Ich war die Lektorin ihres Vertrauens, und gemeinsam haben wir ihre Aufzeichnungen zum Leben erweckt. Es war nicht ganz einfach, den Spagat zwischen ihrem Frei-von-der-Leber-weg-Stil und Lektoratseingriffen zu schaffen, das gebe ich offen zu. Einerseits sollte die Direktheit erhalten bleiben, immerhin ist diese Lebensbeichte absolut authentisch, das Milieu, die Menschen darin brutal und erbarmungslos, ja, die Erfahrungen der Autorin grausam, andererseits erwartet die Leserschaft mehr als einen journalistischen Bericht. Kurzum, es war aufregend, wir sind zusammengekommen, haben dem Text frischen Wind eingehaucht und hatten eine spannende Zeit.

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